„Was machen Sie denn beruflich ? …. Lehrer – das ist kein Beruf, das ist eine Diagnose !“

sagte zu mir vor einiger Zeit ein Radio- und Fernsehjournalist. Aber dann etwas später:

„Sie unterrichten Religion ?“

 

In der Frage steckt Staunen, etwas Spott, vielleicht auch heimliche Bewunderung.

 

Bewunderung – wofür ? Naja, die Menschen, die die nächste Erwachsenengeneration stellen werden, sind christlich gesehen oft sagenhaft ahnungslos. Christliche Traditionen, biblische Grundlagen oder eine reflektierte Kirchenzugehörigkeit sind heute nur bei wenigen feststellbar, aber alle haben eine Meinung zu Religion. Deshalb leidet das Fach zuweilen unter der scheinbaren Beliebigkeit der vertretenen Ansichten und unter seinem Ruf als 'Laberfach'. Da hilft nur eins: Aufklärung durch sachliche Information. Gut, dass Religionslehrer in der Regel aus Überzeugung echte Gegner von Borniertheit sind und Freude haben an Erkenntnissen jeder Art.

 

Kinder und Jugendliche haben in unserer globalisierten Welt und angesichts der multikulturellen und multireligiösen Lebenszusammenhänge ein Recht auf religiöse Bildung - ein Recht auf Religionsuntericht, weil die Fragen nach Sinn, nach Gott, Leben und Tod, Gerechtigkeit und Leid konstitutiv für das Menschsein sind und sie immer schon Antworten aus einem religiösen Bezug erfahren. Die Auseinandersetzung mit religiösen Erfahrungen und Vorstellungen gehört zur Persönlichkeitsentwicklung und damit zum Bildungsauftrag der Schule. Der Religionsunterricht dient dem Leben, weil er Fragen aufnimmt, die sonst im Schulalltag nicht so klar vorkommen: Warum gibt es mich ? Wer bin ich ? Wie soll ich leben ? Was ist wirklich wichtig ? Worauf kann ich mich verlassen ? Was kommt nach dem Tod ?

 

Es begeistert, wenn es gelingt, dass Schülerinnen und Schüler eigene lebensweltliche Interessen zum Thema im RU machen. Der Unterricht wird spannend, wenn sie ihre Fragen formulieren und gemeinsam nach Antworten gesucht wird.

 

Für den christlichen Religionsunterricht gilt zudem: Man muss Bibel und christliche Theologie kennen lernen, weil sie und die durch sie begründeten kulturellen Lebensäußerungen unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Gegenwart prägten und prägen – sie bilden somit einen Schlüssel für den Zugang zu ihnen.

Aber warum heute noch konfessioneller Religionsunterricht? Gehört der nicht ins letzte Jahrhundert?

Ein transparent gemachter Standpunkt als Bezugspunkt des Unterrichts hat viel für sich. Über Glauben kann man nicht unbeteiligt sprechen. Jeder Lehrer hat einen Standpunkt, wenn keinen religiösen, dann vielleicht einen atheistischen oder esoterischen. Religionslehrer sind in der christlichen Tradition zu Hause und stehen mit ihrer Person für ihre Überzeugung ein. Das macht auch Sinn, denn Schüler haben ein Recht darauf zu wissen, welchen Standpunkt die Lehrkraft einnimmt, ohne ihn übernehmen zu müssen. Ausgehend von dieser Basis kann über Glaubensfragen frei und kritisch diskutiert werden.

 

Aber bietet der konfessionelle Religionsunterricht nicht der Kirche die Möglichkeit der Einflussnahme und widerspricht dem Prinzip der Trennung von Kirche und Staat ?

 

Vertreter dieser Fragestellung unterstellen  implizit, dass Religionsunterricht Missionierung wäre oder die Schülerinnen und Schüler davon abzubringen versuche, aufklärerisch und selbstbestimmt zu denken. Das Gegenteil ist der Fall: Guter Religionsunterricht ist gerade deshalb ideologiekritisch, weil er sich mit historischen und gegenwärtigen Deutungen des eigenen Glaubens beschäftigt und danach fragt, wie und mit welchen Strategien bestimmte Auffassungen biblisch und christlich-traditionell gerechtfertigt werden. Teil des Religionsunterrichts sind darüber hinaus auch andere Religionen und Weltanschauungen ebenso wie Fragen der Religionskritik. Um gegenüber anderen - auch nichtreligiösen – Überzeugungen tolerant zu sein, muss man seine eigenen Wertegrundlagen und Überzeugungen kennen,

 

Kurz vor den Zeugnissen höre ich oft die Frage: „Herr Haus, was kriege ich in Religion?“ Meine Lieblingsantwort darauf lautet: „Eine gute Allgemeinbildung !“ Warum ich das sage ? Hartmut von Hentig beantwortete die Frage: „Was für eine Bildung wollen wir den jungen Menschen geben ?“ mit der Entwicklung von „Bildungskriterien“ (Hartmut von Hentig, Bildung - Ein Essay, München/Wien 1996).

 

Man könnte sie so zusammenfassen:

- Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit

- Wahrnehmung von Glück

- Die Fähigkeit und der Wille, sich zu verständigen

- Ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz und Wachheit für letzte Fragen

- Die Bereitschaft Verantwortung für sich selbst und das Allgemeinwohl zu übernehmen

 

Diese Kriterien sollten im Mittelpunkt guten Religionsunterrichtes stehen.