Hier können Sie die von Hans-Christian Höhne gehaltene Ansprache anlässlich des Abiturienten-Empfanges im Rathausgarten am 16.6.2016 im Originalwortlaut nachlesen.

 

Hoehne"Geschätzte Anwesende,
liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Eltern und Angehörige,
liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,


was ist das Ziel meiner Ansprache? Natürlich sind es die Glückwünsche, der Dank und ... die vorletzte Chance erzieherisch an Ihnen zu wirken, liebe Abiturientinnen und Abiturienten.

 


Meine herzlichsten Glückwünsche zum bestandenen Abitur! Genau darauf haben Sie 12 Jahre, eventuell mehr, hingearbeitet. Und das Abitur zählt für Sie – vergessen ist der Stress der letzten Monate. Ich habe großen Respekt vor Ihren Leistungen und Sie dürfen stolz sein – alle dürfen das, egal, ob sie mit 1,0 oder 4,0 bestanden haben. Seien Sie stolz auf die „Punktlandungen“, genau auf die 100, wer schafft das schon?


Ich sage „Danke“ allen Kolleginnen und Kollegen, die Sie begleitet und gefördert haben. Sie selbst müssen denen danken, die Sie während der Schulzeit unterstützt haben: Ihren Eltern, Ihren Verwandten und Freunden, Ihren Schutzengeln bis zum heutigen Tag. Denn: Nichts ist selbstverständlich, sagen Sie „Danke“, das zählt.

 

Wie ist es aber mit dem individuellen Abiturdurchschnitt? - zählt der wirklich? Der Durchschnitt eines Jahrgangs einer Schule - 2,53 oder 2,49 – zählt der wirklich? Diese und andere Zahlen erscheinen immer in der örtlichen Presse – zählen sie wirklich?
Demnächst sind Kommunalwahlen – übrigens, gehen Sie wählen! - wieder wird gezählt, vielleicht wird eine Partei angezählt, ausgezählt und hoffentlich hat sich niemand verzählt oder gar verrechnet. Dennoch, nochmals die Frage – zählt das wirklich?

 

Mich interessiert die Frage, was wirklich zählt, nicht nur rechnerisch. Diese Frage hat schon viele Menschen, ob Philosoph oder Mathematiker, Menschen unterschiedlichster Profession, beschäftigt. Vermutlich gibt es keine generell zufriedenstellende Antwort, denn diese hängt auch von der jeweiligen Lebenssituation, der momentanen persönlichen Perspektive ab.

 

Aber vielleicht gibt es eine Richtung, in die man denken und handeln kann, einen Rat oder sogar die gefürchteten ungebetenen Ratschläge, die für Ihre Zukunft hilfreich sein könnten? Wie z. B.: „Lebe jeden Tag, als wenn es dein letzter wäre.“ Das ist der provozierende, konventionelle Ratschlag. Aber nein, also wirklich: das hieße doch „jeden Tag Party“! Wer hat denn so viel Energie? Was, wenn es mal regnet oder man sich nicht so besonders gut fühlt? Der Rat ist einfach nicht praktisch.

 

Eine Antwort auf die Frage, was wirklich zählt, könnte doch eher der Poetry Slam von Julia Engelmann liefern, der fast 9,5 Millionen Mal angeklickt wurde. Es ist die Aufforderung: Sei „lebendig“!

 

Der Soziologe Prof. Hartmut Rosa versteht unter „lebendig sein“, dass man das „nicht für sich allein sein kann“, sondern dass man „erst lebendig wird“, wenn „das Andere da draußen mit mir so in Beziehung tritt, dass ich durch diese Beziehung selbst verändert werde.“ Kurz: „Lebe nicht für Dich selbst!“

 

Zeigen Sie Interesse für den Nächsten und den Anderen. Engagieren Sie sich. Das macht den Unterschied, das „Dasein für Andere“.

 

Es liegt mir sehr am Herzen, denjenigen Schülerinnen und Schülern zu danken, die sich an der WRS und der HS in so vielfältiger Weise engagiert haben. Namentlich möchte ich stellvertretend zwei Projekte nennen, die seit langem und nachhaltig bestehen: Das Tansania Projekt an der Raabeschule und die Amnesty AG an der Herderschule. Uneigennütziges, ehrenamtliches Engagement für die Gemeinschaft. Das zählt wirklich! Die heutige Hirnforschung bestätigt, dass wir als Menschen auf ein „Du“ angelegt sind. Prof. Joachim Bauer schreibt: „Zu den faszinierendsten Aspekten der Hirnforschung der letzten Jahre gehörte die Entdeckung von Nervenzell-Systemen, die es dem Menschen nicht nur ermöglichen, sich in das einzufühlen, was andere fühlen, sondern auch Ausstrahlung zu erzeugen, was heißt, umgekehrt auch andere mit dem anstecken zu können, was ich selbst fühle.“

 

Das kann auch gefährlich sein. Seien Sie auf alle Fälle vorsichtig, kritisch, skeptisch, wenn Ihnen draußen vor den vertrauten Schultüren nahegelegt wird, Ihr Leben systematisch darauf anzulegen „mehr Wissen, bessere Kontakte, ... ein höheres Einkommen zu haben.

 

Hartmut Rosa sagt: „Damit verlieren Sie Stück für Stück an Lebendigkeit.“ Denn „Lebendigkeit ist eine Beziehungsform, die sich der Logik der Steigerung und Optimierung, der Beherrschung und Kontrolle widersetzt.“ Und er formuliert zugespitzt: “Wer sein Leben unter Kontrolle hat, ist tot.“

 

Akzeptieren Sie, dass Ihre Zukunft risikobeladen und nur in Grenzen kalkulierbar ist. Akzeptieren Sie nicht, dass sogenannte Entscheider in unserer Gesellschaft behaupten zu wissen, was gut für Sie sei und das, weil angeblich alternativlos, dem gesellschaftlichen Diskurs und der demokratischen Kontrolle durch ihre Machenschaften entziehen wollen. Lassen Sie sich nicht von den manipulativen Formulierungskünsten der vermeintlich Mächtigen, die im Hintergrund die Strippen ziehen, und auch nicht von den smarten Karrieristen, also den Machtgierigen, blenden. Wir, Ihre Lehrerinnen und Lehrer, hoffen, dass Sie gewappnet sind. Irgendeinen Sinn müssen die Massen von Fotokopien für Analysen, Gruppenarbeiten und Präsentationen doch gehabt haben.

 

Das ist unser Anspruch, Ihnen eine gute Bildung vermittelt zu haben; denn ein gebildeter Mensch hat den Egozentrismus hinter sich gelassen, er erkennt, dass es noch andere Mittelpunkte der Welt gibt.

 

Der gebildete Mensch kann sich mit etwas identifizieren, ohne naiv oder blind zu sein. Er kann sich mit Freunden identifizieren, ohne deren Fehler zu leugnen. „Wirklich gute Freunde sind Menschen, die uns ganz genau kennen und trotzdem zu uns halten.“ Der gebildete Mensch kann sein Vaterland lieben, ohne die Vaterländer anderer Menschen zu verachten. Er ist „lebendig“. Das zählt wirklich.

 

Mit dem „Lebendig sein“ sind eng verbunden die Werte der Freundschaft und der Solidarität. Diese beiden Werte sind Ausdruck von innerer Haltung. Beides können Sie nirgendwo käuflich erwerben, Sie müssen sich diese Gefühle und Einstellungen durch Ihre Persönlichkeit und Ihr Handeln erarbeiten.

 

Halten Sie an Ihren Freundschaften fest, verlieren Sie diese nicht aus dem Blick. Halten Sie fest an den Menschen, die Ihnen etwas und denen Sie etwas bedeuten. Und pflegen Sie Ihre Freundschaften. Sie sind es wert, auch in stürmischen Zeiten zu bestehen. „Freundschaften sind wie alte Dächer, man muss sie ständig reparieren, damit sie halten“. Wenn Sie wenigstens drei gute Freunde oder Freundinnen aus der Schulzeit in Ihrem Leben bewahren, dann haben Sie alles richtig gemacht. Sie können sich materielle Dinge kaufen, Freundschaft und Solidarität nicht, sie kommen von innen und sind unbestechlich.

 

Das zählt wirklich!

 

In diesem Sinne: Ihnen ein „lebendiges“ Leben, in dem Sie möglichst viel von dem tun, was wirklich zählt.

 

Machen Sie es gut, dazu wünsche ich Ihnen von Herzen mehr als alles Gute!

 

DANKE!"